Frag mal jemanden, warum Network-Marketing unseriös ist. Und dann frag ein zweites Mal.
Beim ersten Mal kommt sofort eine Antwort. „Schneeballsystem.” „Das ist doch unseriös.” Beim zweiten Mal, wenn du wissen willst, woher er das hat, wird es still. Die meisten können ihr Urteil nicht erklären. Sie können es nur wiederholen.
Das heißt nicht, dass jede Warnung falsch ist. Es heißt nur, dass du genauer hinschauen musst, wenn du gerade überlegst, ob das was für dich ist.
In Kürze
- Das Urteil „unseriös” ist bei vielen übernommen, nicht geprüft. Sie haben den Satz irgendwo gehört und tragen ihn weiter.
- Ein Teil des schlechten Rufs ist trotzdem selbst gemacht: Networker, die reich aussehen wollen, bevor sie es sind.
- Wer seine Raten mit dem nächsten Abschluss bezahlen muss, wird im Gespräch drückend. Das riecht jeder.
- Seriös erkennst du nicht an der Kulisse, sondern daran, wie jemand lebt, wenn keiner zuschaut.
- Stell deinem eigenen Vorurteil dieselben Fragen, die du einem Kritiker stellen würdest.
Woher kommt das Urteil eigentlich?
Robert und ich haben in der Folge über ein altes Familienrezept gesprochen. Über Generationen schneidet jemand beim Truthahn links und rechts ein Stück ab, bevor er in den Ofen kommt. Alle halten das für das Geheimnis. Irgendwann fragt einer nach. Die Antwort: Das Backblech war damals zu klein.
So entstehen viele Meinungen über Geld, über Vertrieb und über Network-Marketing. Irgendwann gab es eine konkrete Situation. Vielleicht eine schlechte Erfahrung mit einem unseriösen Anbieter, vielleicht nur ein Onkel mit einem starken Spruch. Daraus wird eine Regel. Und die Regel wird weitergegeben, lange nachdem keiner mehr weiß, woher sie kommt.
Wer dir „Schneeballsystem” entgegenhält, hat in den seltensten Fällen einen Vergütungsplan gelesen. Er hat ein Wort gehört.
Ist deine Skepsis deine eigene?
Das ist die unbequeme Frage. Nicht an die anderen, an dich.
Du hast auch Sätze im Kopf, die du nie geprüft hast. Über Geld. Über Verkaufen. Über reiche Menschen. Über dich selbst. Manche davon klingen nach Moral. Wer viel verdient, nutzt andere aus. Wer ein teures Auto fährt, muss etwas kompensieren.
Vielleicht stimmt das manchmal. Du weißt es aber nicht.
Und genau hier wird es gefährlich. Wenn du tief drin glaubst, dass Erfolg schmutzig ist, triffst du deine Entscheidung nicht auf Basis dessen, was du siehst. Du triffst sie auf Basis dessen, was dir irgendwann jemand erzählt hat.
Bevor du also Ja oder Nein sagst, stell dir die Fragen, die du auch einem Kritiker stellen würdest:
- Was genau meine ich mit unseriös?
- Welche Erfahrung habe ich selbst gemacht, und welche habe ich nur gehört?
- Was wäre für mich ein faires Modell?
- Wo liegt für mich der Unterschied zwischen Handel, Empfehlung und Rekrutierung?
Viele Einwände lösen sich auf, sobald man sie erklären muss. Manche bleiben stehen. Die nimmst du ernst.
Warum sieht Network-Marketing so oft nach Angeberei aus?
Weil ein Teil der Branche Erfolg mit Kulisse verwechselt. Das richtige Auto, die richtige Uhr, das Logo auf der Brust, das Foto vor dem Hotel. Frag dich mal, warum die Marke auf der Kleidung immer außen steht und nicht innen. Du weißt doch, was du trägst. Es geht um die anderen.
Das Problem ist nicht der Luxus. Das Problem ist Luxus, der zu früh kommt.
Die ersten Provisionen gehen ein, du fühlst dich bestätigt, und plötzlich willst du zeigen, dass es läuft. Auto, Wohnung, Reisen, Kleidung. Die Fixkosten steigen. Ab da brauchst du deinen Umsatz nicht mehr für Aufbau und Reserve, sondern damit dein neues Image überlebt.
Und dann passiert das, was den Ruf der ganzen Branche kaputt macht. Du wirst drückend im Gespräch. Du willst den Abschluss zu sehr. Du brauchst den nächsten Partner, weil die Rate wartet. Dein Gegenüber merkt das in der ersten Minute.
Das ist oft der Moment, in dem jemand zum ersten Mal „unseriös” denkt. Und er liegt damit nicht mal falsch.
Wie sieht seriös stattdessen aus?
Ich erzähl dir, womit ich gefahren bin.
Nach dem Verkauf meiner Studios platzten die Schecks. Ich kam ohne Geld zurück nach Deutschland und wohnte auf dem Dachboden bei meiner Oma. Das Auto, das ich mir leisten konnte, war ein alter Peugeot 206. Innen und außen Hello Kitty. Blaue Beleuchtung. Nicht gerade das, was du dir unter einem erfolgreichen Networker vorstellst.
Auf einer Fahrt zu einer Veranstaltung fiel der Auspuff ab. Der Wagen klang danach wie eine ganze Motorradgruppe. Ich bin trotzdem hingefahren.
Der Punkt kommt erst danach. Ich bin das Hello-Kitty-Mobil noch gefahren, als ich längst genug verdient habe, um umzusteigen. Nicht aus Geiz. Mein oberstes Ziel war, nie wieder pleite zu sein und nie wieder über meinen Verhältnissen zu leben. Ein Wechsel kam erst infrage, als das Einkommen mehrere Monate hintereinander stabil stand.
Wer pleite ist und arm wirkt, hat ein Problem. Wer bewusst schlicht lebt, obwohl er mehr könnte, hat Kontrolle.
Woran erkennst du das, bevor du startest?
Schau nicht auf das Auto deines möglichen Sponsors. Schau darauf, wie er redet, wenn du Nein sagst. Wer ruhig bleibt, muss dir nichts beweisen. Wer nachlegt und Zeitdruck macht, braucht vielleicht deinen Einstieg mehr als du.
Und schau auf dich selbst. Willst du starten, weil du freier werden willst und etwas aufbauen möchtest? Oder willst du Leute beeindrucken, die dich früher übersehen haben? Beides treibt an. Nur eines trägt lange.
Seriös ist kein Etikett, das eine Branche hat oder nicht hat. Seriös ist, was du tust, wenn keiner Fotos macht.
